Stell dir vor, du wachst morgens auf, öffnest Spotify und entdeckst eine neuen Relaese auf deinem Profil. Nur hast du überhaupt nichts veröffentlicht. Die Musik stammt nicht von dir. Trotzdem steht sie dort – unter deinem Namen und für deine Hörer:innen sichtbar.
Genau das ist Emily Portman passiert. Ein Fan schrieb ihr, wie sehr ihm ihr neues Album gefalle. Das Problem: Sie hatte gar kein Album veröffentlicht. Als sie auf den Link klickte, fand sie ein komplettes Release namens Orca auf Spotify vor, bei dem sie als Autorin, Interpretin und Rechteinhaberin aufgeführt war. Jemand hatte ein KI-Tool genutzt, um ihren Stil nachzuahmen, das Ergebnis als Album verpackt und unter ihrem Namen hochgeladen. Spotify brauchte drei Wochen, um es zu entfernen. Danach tauchte sogar ein zweites gefälschtes Album auf.
Auch Tyler, The Creator erlebte etwas Ähnliches, als er Don’t Tap the Glass veröffentlichte. Am selben Tag erschienen auf der Plattform KI-generierte Songs mit verdächtig ähnlichen Titeln, die den offiziellen Release überschatteten. Und das sind nur die Fälle, die Schlagzeilen machten.
Im März 2026 beantragte Sony Music die Entfernung von mehr als 135.000 Titeln, die mit Hilfe generativer KI erstellt wurden, um die eigenen Künstler:innen zu imitieren. Sony selbst erklärte, dass diese Zahl wahrscheinlich nur einen Bruchteil dessen darstellt, was tatsächlich im Umlauf ist. Die IFPI zeichnet ein noch düsteres Bild: Bis zu 10 % aller Inhalte auf Streaming-Plattformen könnten inzwischen betrügerischer Natur sein.
Wenige Wochen später kündigte Spotify die Funktion Artist Profile Protection an.
🔒 Was macht Artist Profile Protection eigentlich?
Dabei handelt es sich um eine neue optionale Funktion innerhalb von Spotify for Artists, die derzeit in einer begrenzten Beta-Phase verfügbar ist. Wird sie aktiviert, fügt Spotify einen zusätzlichen Prüfschritt hinzu, bevor Inhalte auf deinem Profil erscheinen.
So funktioniert es: Wenn Musik unter deinem Namen an Spotify geliefert wird, erhältst du eine E-Mail. Anschließend kannst du die Veröffentlichung genehmigen oder ablehnen. Genehmigst du sie, läuft alles wie gewohnt weiter. Lehnst du sie ab, erscheint sie nicht auf deinem Profil, beeinflusst keine Statistiken und wird nicht in Empfehlungen aufgenommen.
Genau dieser letzte Punkt ist entscheidend. Es geht nicht darum, Inhalte nachträglich zu verstecken. Eine abgelehnte Veröffentlichung wird aus deiner gesamten Präsenz auf der Plattform entfernt, bevor überhaupt jemand sie sehen kann. Hätte Emily Portman Zugriff auf diese Funktion gehabt, hätte sie nicht drei Wochen lang darum kämpfen müssen, ein gefälschtes Album entfernen zu lassen, das ihre Fans bereits gehört hatten.
Die Funktion wird über die Einstellungen von Spotify for Artists auf Desktop- und mobilen Webversionen verwaltet und kann von Artist Team Admins sowie Editors genutzt werden.
🧪 Wer hat derzeit Zugriff?
Die meisten Künstler:innen haben aktuell noch keinen Zugang. Spotify führt eine begrenzte Beta durch und hat offen kommuniziert, dass die derzeitige Version noch nicht das endgültige Produkt darstellt. Das Unternehmen verbessert die Funktion auf Grundlage von User-Feedback, bevor sie breiter ausgerollt wird. Ein konkretes Veröffentlichungsdatum wurde bislang nicht genannt.
So prüfst du, ob du Zugriff hast:
- Öffne Spotify for Artists auf dem Desktop oder im mobilen Browser.
- Gehe zu den Einstellungen.
- Suche nach Artist Profile Protection.
Wenn die Option angezeigt wird, kannst du sie aktivieren. Falls nicht, gehörst du derzeit nicht zur Beta. Es gibt aktuell keine Möglichkeit, sich anzumelden oder Zugang zu beantragen. Spotify entscheidet selbst, wer Zugriff erhält und wann.
⚠️ KI hat ein bestehendes Problem lediglich verstärkt
Wichtig ist: KI hat dieses Problem nicht erfunden. Veröffentlichungen auf dem falschen Artist-Profil sorgen bereits seit Jahren für Ärger – lange bevor generative Musiktools günstig und allgemein verfügbar wurden.
Fehlerhafte Metadaten beim Upload konnten schon immer dazu führen, dass Songs den falschen Künstler:innen zugeordnet wurden. Gleiche oder ähnliche Namen sorgen regelmäßig für Verwechslungen. Auch Vertriebspartner machen Fehler. Neu sind vor allem das Ausmaß und die Absicht dahinter. Ein Journalist von 404 Media demonstrierte, wie einfach das sein kann: Er erzeugte einen Song mit Udio, eröffnete einen normalen DistroKid-Account, lud den Titel auf das Profil einer echten Band hoch – und er wurde veröffentlicht. Kein Hack, keine gestohlenen Zugangsdaten. Nur der reguläre Vertriebsprozess, der darauf vertraut, dass Uploadende wahrheitsgemäß angeben, welchen Artists ein Titel gehört.
Auch die finanzielle Logik dahinter ist simpel. Wer die Veröffentlichung kontrolliert, erhält die Tantiemen. Wird ein gefälschter Song einem Artist mit echter Reichweite zugeordnet, lassen sich Streams und Einnahmen umleiten. Je größer ein Artist, desto lukrativer wird das Ganze.
Spotify entfernte in den zwölf Monaten vor dieser Ankündigung mehr als 75 Millionen Spam-Tracks. Es handelt sich also keineswegs um ein Randproblem, das nur einige wenige Sonderfälle betrifft.
🛡️ Was du bis dahin tun kannst
Artist Profile Protection steht den meisten Künstler:innen noch nicht zur Verfügung. Das bedeutet jedoch nicht, dass du schutzlos bist. Einige Maßnahmen können tatsächlich helfen.
Überprüfe dein Profil regelmäßig und achte auf Warnsignale
Gewöhne dir an, dich einmal pro Woche bei Spotify for Artists einzuloggen und deine Diskografie durchzusehen. Achte besonders auf Veröffentlichungsdaten, die dir unbekannt vorkommen, Songtitel, die du nicht erkennst, und Cover-Artworks, die nicht zu deinem Stil passen. KI-generierter Spam erscheint häufig in großer Menge. Echte Künstler:innen veröffentlichen in der Regel in gewissen Abständen, während Bots ein Profil über Nacht mit Inhalten fluten können. Der Jazzpianist Jason Moran erfuhr nur durch einen Freund, dass gefälschte Songs unter seinem Namen veröffentlicht worden waren. Es kann daher sinnvoll sein, Menschen aus deinem Umfeld zu bitten, verdächtige Inhalte auf deiner Seite zu melden.
Wenn du etwas findest, nutze den richtigen Meldeweg
Spotify bietet derzeit keine spezielle Kategorie für „KI-Identitätsdiebstahl“ oder „KI-Imitation“ an, was durchaus frustrierend ist. Am besten funktioniert Folgendes: Wenn du Zugang zu Spotify for Artists hast, melde den Inhalt als falsch zugeordneten Content (misattributed content). Laut Spotifys Community-Team führt dieser Weg oft schneller zum Erfolg. Wenn du keinen direkten Zugang hast, besuche das Safety and Privacy Center von Spotify und wähle die Kategorie „deceptive content“ (irreführender Inhalt). Für Urheberrechtsverletzungen oder Inhalte, die du für rechtswidrig hältst, gibt es auf derselben Seite einen separaten Meldeweg.
Sei bei der Meldung so konkret wie möglich. Füge die URI des Songs oder Albums hinzu, verlinke sowohl das gefälschte als auch das echte Profil und beschreibe das Problem klar und präzise. Vage Meldungen gehen häufig unter. Emily Portman reichte Urheberrechtsbeschwerden ein und musste dennoch drei Wochen auf eine Reaktion warten. Je detaillierter die Informationen sind, desto besser stehen die Chancen auf eine schnelle Bearbeitung.
Kontaktiere sofort deinen Vertriebspartner
Dein Distributor oder Vertriebspartner kann oft schneller reagieren als eine direkte Meldung an Spotify. Viele verfügen über direkte Kanäle für Korrekturen und Löschanfragen. Nimm Kontakt auf, sobald du ein Problem bemerkst, und frage gezielt nach den Richtlinien für Fehlzuordnungen oder Identitätsmissbrauch. Diese unterscheiden sich je nach Anbieter erheblich und sind nicht immer leicht zu finden.
Dokumentiere alles
Mache Screenshots der gefälschten Veröffentlichung. Notiere dir das Datum, den Namen des Titels und die Anzahl der Streams, sofern sichtbar. Sollte sich das Problem wiederholen, kann diese Dokumentation äußerst wertvoll sein. Die 135.000 Löschanträge von Sony kamen nicht ohne eine umfangreiche Beweislage zustande.
Vergiss andere Plattformen nicht
Gefälschte Veröffentlichungen erscheinen häufig gleichzeitig auf Apple Music, Deezer, YouTube und weiteren Diensten. Jede Plattform verfügt über eigene Meldeverfahren. Bandcamp hat KI-generierte Musik vollständig verboten. Deezer hat spezielle Erkennungstools eingeführt. Wenn deine Musik auf mehreren Plattformen verfügbar ist, solltest du sie alle überprüfen – nicht nur Spotify.
Artist Profile Protection ist ein bedeutender Schritt nach vorn. Die Möglichkeit, Veröffentlichungen unter dem eigenen Namen zu prüfen, bevor Hörer:innen sie sehen, stellt eine wichtige Verbesserung dar und gibt Künstler:innen ein Maß an Kontrolle zurück, das sie seit Langem benötigen.
Die meisten Leser:innen dieses Artikels werden jedoch noch keinen Zugriff auf die Funktion haben. Bis zum vollständigen Rollout bleibt die regelmäßige Überwachung des eigenen Profils und das Wissen darüber, wie man im Problemfall reagiert, der wirksamste Schutz. Denn dein Profil ist oft der erste Ort, an dem neue Hörer:innen mit deiner Musik in Kontakt kommen. Es sollte tatsächlich dir gehören.

