Noch vor nicht allzu langer Zeit spielte es keine Rolle, ob ein Track von einem Menschen oder vollständig von KI erzeugt wurde. Es galten dieselben Regeln, die Tantiemen kamen aus demselben gemeinsamen Pool und jeder Track hatte die gleichen Chancen, in den Empfehlungen der Hörer:innen aufzutauchen.
Das begann sich Ende 2025 zu ändern. Spotify, Deezer und TIDAL haben sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen, mit deutlichen Unterschieden zwischen ihren Richtlinien.
Egal, ob du KI aktiv in deiner Musik einsetzt oder einfach verstehen möchtest, was sich auf den Plattformen verändert, auf denen du deine Musik veröffentlichst: Hier erfährst du, was du wissen musst.
💚 Spotify: KI ist erlaubt, aber Vorsicht, das AI-Label kommt
Spotify hat KI-generierte Musik nie verboten und seine Richtlinien zur Vergütung bislang auch nicht geändert. Ein KI-generierter Track verdient Tantiemen aus demselben gemeinsamen Pool wie alle anderen Tracks. Im Update seiner Richtlinien vom September 2025 stellte Spotify ausdrücklich klar: „Alle Musik wird gleich behandelt, unabhängig davon, welche Tools zu ihrer Erstellung verwendet wurden.“
Was sich 2026 geändert hat, ist die Sichtbarkeit.
Im August führte Spotify eine neue Maßnahme ein: Wenn dein Artist-Profil so aussieht, als wäre es von einer KI statt von einer realen Person erstellt worden, erhält es das Label „AI Persona“. Diese Kennzeichnung hat eine deutlich wichtigere Konsequenz als die Kennzeichnung selbst: Deine Musik wird aus redaktionellen Playlists und algorithmischen Empfehlungen entfernt. Sie verschwindet aus diesen Bereichen. Hörer:innen müssen dann gezielt nach dir suchen, um deine Musik zu finden. Seien wir ehrlich: Kaum jemand sucht nach Künstler:innen, von denen er noch nie etwas gehört hat.
Der entscheidende Punkt ist jedoch: Diese Maßnahme betrifft dich nicht, wenn du eine reale Person bist und KI in deinem kreativen Prozess einsetzt. Das AI-Label hängt nicht davon ab, wie die Musik entstanden ist, sondern davon, wer (oder was) hinter dem Artist-Profil steckt. Spotify geht gegen Fake-Artists vor, die in großer Zahl erstellt werden, um z.B Lo-fi-Playlists zu füllen und passiv Tantiemen zu kassieren. Genau diese Praxis will die Plattform unterbinden.
Für mehr Transparenz hat Spotify außerdem AI Credits und eine Funktion namens SongDNA eingeführt. Damit können Künstler:innen mehr darüber teilen, wie ihre Musik entstanden ist. Aktuell sind beide Optionen freiwillig. Niemand zwingt dich, etwas offenzulegen.
Die Vergütungssätze selbst haben sich nicht verändert. Aber ehrlich gesagt kommt der Ausschluss aus Empfehlungen fast einem Verlust von Tantiemen gleich: Wenn niemand deine Musik entdeckt, hört sie auch niemand im Streaming.
❤️ Apple Music: Die Kennzeichnung kommt und wird verpflichtend
Apple Music hat KI-generierte Musik weder verboten noch sein Vergütungssystem verändert. Die Plattform bereitet jedoch im Hintergrund eine Änderung vor, die bis Ende 2026 deutlich sichtbar werden soll.
Im März führte Apple die AI Transparency Tags ein. Mit diesem freiwilligen System können Inhaltsanbieter angeben, wenn KI eine wesentliche Rolle bei der Erstellung eines Tracks gespielt hat. Im August verschickte die Plattform dann eine E-Mail an Distributoren, um klarzustellen, dass die freiwillige Kennzeichnung nicht dauerhaft ausreichen würde. Bis Ende 2026 soll jeder Track, bei dem KI einen „wesentlichen Teil“ des Inhalts erzeugt hat, die Kennzeichnung „Made With AI“ tragen. Es wird für alle Hörer sichtbar sein.
Eine Zahl verdeutlicht das Ausmaß: Anfang dieses Jahres erklärte Oliver Schusser, Vizepräsident von Apple Music, dass inzwischen mehr als ein Drittel aller monatlich auf die Plattform hochgeladenen Tracks zu 100 % KI-generiert sei. Diese Tracks machen weniger als 0,5 % der tatsächlichen Streams aus, nehmen aber einen immer größeren Teil des Katalogs ein. Die Kennzeichnung soll unter anderem dabei helfen, Hörer:innen mehr Klarheit darüber zu geben, was sie hören.
Apple unterscheidet zwischen KI-unterstützter und KI-generierter Musik. Wenn du KI für Mastering, Rauschreduzierung oder Stem-Separation nutzt, löst das keine Kennzeichnungspflicht aus. Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn du KI-Tools in deinem Workflow verwendest, die kreativen Entscheidungen aber weiterhin selbst triffst. Kurz gesagt: Die Kennzeichnung greift, wenn die KI ein wesentliches kreatives Element erzeugt, etwa eine Melodie, eine Akkordfolge oder einen Songtext.
Die Tantiemen sind bislang nicht betroffen. Apple hat keine Änderungen daran angekündigt, wie Streams gezählt oder vergütet werden. Allerdings hat die Plattform bereits die Tantiemen aus rund 2 Milliarden manipulierten Streams umverteilt, die sie 2025 entdeckt hatte. Das Geld floss zurück in den allgemeinen Vergütungspool für Künstler:innen, statt bei denjenigen zu landen, die das System ausnutzen.
Für unabhängige Künstler:innnen gibt es eine echte Grauzone. Die Grenze zwischen KI-unterstützter und KI-generierter Musik ist nicht immer eindeutig, und Apple hat bisher kein klares Verfahren veröffentlicht, mit dem sich eine Einstufung anfechten lässt. Wenn du KI-Tools in deinem Workflow einsetzt, solltest du wissen, in welche Kategorie deine Musik fällt, bevor die Kennzeichnung auftauchen.
💜 Deezer: Erkennung steht an erster Stelle, keine Vergütung bei Betrug
Deezer hat früher und entschlossener als viele andere Plattformen reagiert. Seit 2025 kennzeichnet die Plattform vollständig KI-generierte Tracks, schließt sie aus algorithmischen Empfehlungen und redaktionellen Playlists aus und vergütet Streams nicht, die mit betrügerischen Aktivitäten zusammenhängen.
Die Zahlen erklären, warum. Deezer schätzt, dass täglich rund 75.000 KI-generierte Tracks hochgeladen werden. Das entspricht etwa 44 % aller täglichen Uploads. Im Jahr 2025 wurden bis zu 85 % der Streams dieser Tracks als betrügerisch eingestuft. Dabei geht viel Geld aus dem Tantiemenpool an diejenigen verloren, die das System ausnutzen, statt an Künstler:innen, die tatsächlich Musik machen.
Deezer ging sogar so weit, ein eigenes Tool zur Erkennung KI-generierter Musik zu entwickeln und anschließend Lizenzen dafür an andere Plattformen zu vergeben. Das zeigt, wie ernst die Plattform das Thema nimmt.
Wenn du KI in einem Teil deines kreativen Prozesses einsetzt, die künstlerischen Entscheidungen aber selbst triffst, lautet die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an. Vollständig KI-generierte Tracks werden gekennzeichnet und aus Empfehlungen ausgeschlossen. Tracks, bei denen ein Mensch den kreativen Prozess steuert und KI nur eines von mehreren Tools ist, bewegen sich dagegen in einer deutlich unklareren Zone. Deezer hat bisher keine klare Grenze veröffentlicht, anhand derer sich beide Kategorien eindeutig unterscheiden lassen. Je nachdem, welche Musik du machst, kann das beruhigend sein oder für Kopfschmerzen sorgen.
🖤 TIDAL: Keine Tantiemen für vollständig KI-generierte Musik
TIDAL hat unter den großen Plattformen die strengste Position eingenommen. Am 29. Juni 2026 kündigte die Plattform an, künftig keine Tantiemen mehr für Tracks zu zahlen, die sie als zu 100 % KI-generiert identifiziert. Die Richtlinie trat am 15. Juli in Kraft.
Die Tracks bleiben auf der Plattform. Sie werden lediglich nicht mehr vergütet.
In einer Stellungnahme erklärte Tony Gervino, Executive Vice President von TIDAL, dass die Richtlinie auf 2 Probleme zurückgeht: auf das Feedback von Hörer:innen, von denen viele keine vollständig KI-generierte Musik hören möchten, und auf die Flut von Inhalten, die echte Künstler:innen imitieren und ausschließlich dazu dienen, deren Tantiemen umzuleiten.
Die Richtlinie beruht auf 3 Grundsätzen. Vollständig KI-generierte Tracks erhalten ein „AI“-Label und sind nicht mehr für Tantiemen berechtigt. KI-Musik, die mit Betrug oder Identitätsmissbrauch verbunden ist, wird blockiert oder vollständig entfernt. Außerdem sollen Distributoren KI-generierte Inhalte kennzeichnen, bevor diese überhaupt auf die Plattform gelangen. Damit übernehmen sie einen Teil der Verantwortung für die Einhaltung der Regeln.
TIDAL hat ausdrücklich zwischen dem Einsatz von Tools und dem Ersatz menschlicher Kreativität unterschieden. Wenn ein Mensch den kreativen Prozess leitet und KI für die Produktion, Tontechnik oder das Arrangement einsetzt, bleibt der Track für Tantiemen berechtigt. Die Richtlinie zielt auf Tracks ab, die ausschließlich durch Prompts entstehen und ohne jegliche menschliche kreative Entscheidung veröffentlicht werden.
Das technische Problem, das auch TIDAL einräumt: Es ist nach wie vor schwierig, im großen Maßstab eindeutig zu definieren, was „vollständig KI-generiert“ bedeutet. Deshalb beschreibt die Plattform ihre Richtlinie als ein Dokument, das sich laufend weiterentwickelt.
💰 Was bedeutet das konkret für deine Einnahmen?
Die Antwort hängt davon ab, was du produzierst und wie du dabei vorgehst.
Wenn du KI als Tool in einem von dir gesteuerten kreativen Prozess einsetzt, etwa um Stems zu generieren, mit Sounds zu experimentieren oder mithilfe von KI-Plugins zu produzieren, hat sich bislang nichts Wesentliches geändert. Spotify zahlt weiterhin nach denselben Bedingungen. Deezer richtet sich mit seinen Richtlinien gegen Betrug, nicht gegen KI-unterstützte Kreativität. Und TIDALs Wegfall der Tantiemen betrifft nur Tracks, die vollständig maschinell und ohne menschlichen kreativen Beitrag erzeugt wurden.
Wenn du dagegen vollständig KI-generierte Musik veröffentlichst, die ausschließlich durch Prompts entstanden ist und keinen zusätzlichen menschlichen kreativen Beitrag enthält, sieht die Lage anders aus. TIDAL wird dich dafür nicht bezahlen. Deezer kann deine Streams abhängig von den erkannten Mustern als betrügerisch einstufen. Spotify zahlt weiterhin, aber wenn dein Künstlerprofil wie eine KI-generierte Persona wirkt, erscheint deine Musik nicht in den Empfehlungen. Dabei stammt ein großer Teil der Streams genau aus diesen Bereichen.
Die Branche spaltet sich zunehmend in 2 Lager. Spotify, Apple Music und YouTube setzen auf Kennzeichnung und überlassen die Entscheidung den Hörer:innen. Deezer und TIDAL konzentrieren sich auf die Erkennung und greifen aktiv ein, indem sie Empfehlungen, Tantiemen oder beides einschränken. Diese Aufteilung wird wahrscheinlich nicht stabil bleiben, während die Menge KI-generierter Inhalte weiter wächst.
Eine Regel gilt jedoch auf allen Plattformen: Nicht autorisierte Stimmklone realer Künstler:innen sind überall verboten, ohne Ausnahme.
Kurz gesagt: KI-generierte Musik wird nicht verschwinden, und die meisten Plattformen versuchen auch nicht, sie vollständig zu verbannen. Sie wollen vor allem die Betrugspraktiken bekämpfen, die damit einhergehen: Massen-Uploads, gefälschte Streams und das systematische Abgreifen von Tantiemen. Gleichzeitig versuchen sie herauszufinden, wie sie mit den übrigen Einsatzmöglichkeiten von KI umgehen sollen. Die Regeln ändern sich schneller als die Technologie und werden sich deshalb weiterentwickeln. Es lohnt sich, die nächsten Updates im Blick zu behalten.

